Einleitung
Ein bekanntes Phänomen ist, dass man, wenn man als gute Fachkraft zur Führungskraft befördert wird, auch danach noch versucht, weiter durch die Fähigkeiten als Fachkraft zu glänzen. Leider ist das meistens nicht der Fall und nur, wenn man Glück hat, bekommt man die Gelegenheit durch Schulungen bzw. Trainings oder Feedback zu lernen, dass jetzt andere Kompetenzen in den Vordergrund rücken.
Für mich ist das Thema “Politik” eine Herausforderung, die immer relevanter wird, je länger man als Führungskraft arbeitet. Wer, wie ich gewohnt war, an der Qualität seiner Arbeit gemessen zu werden, kollidiert oft schmerzhaft mit der Realität, wenn andere “Beteiligte” sich diesbezüglich nicht “rational” verhalten.
Wie gehe ich denn damit um, wenn Entscheidungen getroffen werden, die dem Unternehmen augenscheinlich schaden? Welche Gründe stehen tatsächlich dahinter? Fehlen mir “nur” Fakten, die die Entscheidung beeinflussen?
Ein Beispiel
Vor ein paar Monaten wurde ich daran gehindert, im Rahmen einer qualitätsverbessernden Maßnahme zusätzliche Personen in ein Projekt einzubinden. Hintergrund war die Kritik daran, dass der betreffende Entwickler keine Unit-Tests schreiben würde. Tatsächlich war dieser Entwickler von mir “alleine” gelassen worden und arbeitete alleine an diesem Projekt, meine Maßnahme hätte ihn stärker ins Team integriert.
Mir war unverständlich, wieso der Auftraggeber verhindern wollte, dass wir die Qualität im Projekt verbessern wollten.
Heute glaube ich, den tatsächlichen Grund zu kennen, der Auftraggeber wollte Kosten sparen und hat den Entwickler inzwischen abgeworben.
Rein rational würde man davon ausgehen, dass meine geplante Maßnahme im Sinne des Projekts ist, der Auftraggeber hat aber die Qualitätsprobleme bewusst in Kauf genommen, da dies seiner Agenda, den Entwickler abwerben zu können, entsprochen hat. Dafür zu sorgen, dass der Entwickler weiterhin isoliert bleibt, hat also mehr Wert gehabt.
Das Problem
Für mich stellt sich jetzt die Herausforderung noch mehr in den Vordergrund, weiterhin im Sinne des Unternehmenserfolgs zu arbeiten, aber nicht in den Wirren der “Politik” anderer (vielleicht etwas drastisch ausgedrückt) unterzugehen.
Als Führungskraft muss ich mich daran erinnern, dass ich zwei Themen berücksichtigen muss, einerseits den Erfolg des eigenen Bereichs sicherstellen (gute Arbeit), andererseits aber erkennen, aus welchen Beweggründen heraus alle Beteiligten agieren.
Auf der Suche nach einem Rahmenwerk, das mir hilft, solche Situationen besser zu verstehen, bin ich auf die Spieltheorie gestoßen. Die Spieltheorie betrachtet jede Interaktion als ‘Spiel’ mit drei Elementen: Spieler (die Beteiligten), Strategien (die möglichen Handlungsoptionen) und Auszahlungen (was jeder Spieler bei verschiedenen Ausgängen gewinnt oder verliert). Der entscheidende Punkt: Die Auszahlungen sind für jeden Spieler unterschiedlich – und oft kennen wir die Auszahlungsmatrix des anderen nicht.
Die Analyse meiner Situation laut KI sieht wie folgt aus:
Aus spieltheoretischer Sicht habe ich einen klassischen Fehler gemacht: Ich habe angenommen, dass der Auftraggeber und ich das gleiche Spiel spielen – nämlich ‘Projektqualität maximieren’. In Wirklichkeit spielte er ein völlig anderes Spiel: ‘Entwickler abwerben bei minimalen Kosten’. Seine Strategie war rational, nur eben für ein anderes Ziel.
In der Spieltheorie spricht man von ‘Hidden Information’ oder ‘asymmetrischer Information’ – einer der Spieler kennt etwas, das der andere nicht weiß. Ich kannte die wahre Auszahlungsmatrix des Auftraggebers nicht. Für mich war ‘Qualität verbessern’ ein Gewinn, für ihn ein Verlust, weil es seine eigentliche Strategie gefährdet hätte.
Die eigentliche Analyse
Die Analyse der KI klingt erstmal plausibel – aber das reicht mir nicht. Lass mich das Beispiel systematisch durchgehen.
Die Spieler und ihre Ziele
| Spieler | Angenommenes Ziel | Tatsächliches Ziel |
|---|---|---|
| Ich | Projektqualität verbessern | Projektqualität verbessern |
| Auftraggeber | Projektqualität verbessern | Entwickler abwerben, Kosten minimieren |
Hier liegt bereits der erste Denkfehler: Ich habe unterstellt, dass wir das gleiche Ziel verfolgen.
Die Strategien
Meine Optionen:
- Strategie A: Entwickler ins Team integrieren (Pair Programming, Code Reviews)
- Strategie B: Status quo beibehalten (Entwickler arbeitet isoliert weiter)
Optionen des Auftraggebers:
- Strategie X: Integration unterstützen
- Strategie Y: Integration blockieren
Meine Annahme: Das kooperative Spiel
Ich bin davon ausgegangen, dass wir beide “Projektqualität maximieren” spielen:
| Auftraggeber unterstützt (X) | Auftraggeber blockiert (Y) | |
|---|---|---|
| Ich integriere (A) | Win-Win: Qualität steigt | Konflikt |
| Ich belasse es (B) | Suboptimal | Lose-Lose: Qualität bleibt schlecht |
In diesem Spiel wäre (A, X) die rationale Lösung für beide.
Die Realität: Ein anderes Spiel
Der Auftraggeber spielte aber ein völlig anderes Spiel – “Entwickler abwerben”:
| Auftraggeber unterstützt (X) | Auftraggeber blockiert (Y) | |
|---|---|---|
| Ich integriere (A) | Entwickler bindet sich ans Team → Abwerbung schwieriger | Entwickler bleibt isoliert → Abwerbung einfacher |
| Ich belasse es (B) | Kein Effekt | Entwickler frustriert & isoliert → Abwerbung am einfachsten |
Aus seiner Sicht war (B, Y) optimal – genau das Gegenteil von dem, was ich angenommen hatte.
Die Erkenntnis
Wenn sich jemand scheinbar irrational verhält, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er ein anderes Spiel spielt als ich. Die Frage, die ich mir also stellen muss:
“Welches Ziel würde dieses Verhalten rational machen?”
Ausblick
Das war ein erster Versuch, eine Alltagssituation spieltheoretisch zu analysieren. Ob meine Analyse korrekt ist? Ehrlich gesagt – ich lerne gerade erst.
In zukünftigen Beiträgen möchte ich weitere Situationen aus meinem Führungsalltag auf diese Weise betrachten. Nicht, weil ich glaube, dass die Spieltheorie alle Antworten hat. Sondern weil sie mir einen Rahmen gibt, über das Verhalten anderer nachzudenken – ohne es vorschnell als “irrational” oder “politisch” abzustempeln.
